Anthroposophische Kunsttherapien
Kunsttherapeutische Fachbereiche:
Plastik, Malen und Zeichnen, Musik, Sprachgestaltung
Für alle Kunsttherapien gilt: Es braucht keine Begabung! – Aber was dann? Lust und Neugier auf eine der Kunstrichtungen und die damit verbundenen neuen Erfahrungen. Auch eine ärztliche Empfhlung ist ein möglicher Zugang.
Im Folgenden sollen die unterschiedlichen Therapierichtungen in ihrer Eigenart kurz beschrieben werden:
Therapeutisches Plastizieren /Bildhauen:

Die Welt der Formen in ihrer raumgreifenden Geste wird entdeckt und ertastet. Es wird am Stoff der Natur gearbeitet und Körperlichkeit entsteht.
Ton, Wachs, Plastillin, Holz und Stein bieten sich an. Die Hände sind das Werkzeug, manchmal auch Hammer und Meißel, Schnitzmesser und Modellierhölzer. Wer formend tätig ist, lässt entstehen und begrenzt zugleich, stärkt und kräftigt seinen Willen. Entschiedenheit und Eindeutigkeit werden errungen, die Lebenskräfte gestärkt.
Maltherapie:

Die Malerei öffnet die Augen für unendlich viele Farbnuancen. Die Farbensprache, die Farbströme und die Farbbewegungen versetzen die Seele in jede mögliche Stimmung, befreien den Atem, entspannen und lösen.
Eine Fülle von Materialien steht zur Verfügung: Aquarellfarben, Ölkreiden, Pastellkreiden, Buntstifte, Pflanzen-, Acryl- und Temperafarben; Papiere und Leinwände, dicke und dünne Pinsel. Wer mit der Malerei arbeitet, vertieft seine Empfindungen, erlebt die Schönheit der Welt und findet eine lebendige, sich wechselseitig anregende Beziehung zu sich und seiner Umgebung.
Therapeutisches Zeichnen:

Die Welt der Linien und Formen wird erobert, nachschaffend, neu kreierend, strömend, sich konturierend, ausdehnend wie zusammenziehend, strukturierend, dynamisierend.
Bleistift, Kohle, Tusche, Kreiden und Graphit werden eingesetzt. Abstufungen von ganz hell bis zu tief schwarz lassen zarte, leichte oder kraftvoll dramatische Bewegungsspuren zu.
Ein lebendiges Gleichgewicht stellt sich ein, Ordnung wird gefunden, Bewusstheit und Klärung unterstützt.
Musiktherapie:

Die Welt des Klingenden, Tönenden und der Stille öffnet sich.
Ein ganzes Orchester speziell entwickelter Instrumente und auch die eigene Stimme warten darauf, zu erklingen. Das Musikalische lebt im Akkord, im Takt und Rhythmus, in Tonfolgen und Modulationen und auch in der Pause. Das Hören kann sich vertiefen und sich zum Lauschen verinnerlichen.
Auf nicht sprachlicher Ebene werden Ausdruck und Verständnis gefördert. Ein neues Kommunikationsmittel wird gefunden. Vertiefte Erlebnisfähigkeit wirkt regulierend und ordnend.
Therapeutische Sprachgestaltung:

Die Stimme als Ausdruck der eigenen Persönlichkeit wird entdeckt und im Körper neu verankert, um sich mit ihr selbstbestimmt ausdrücken zu können.
Elemente der Sprache wie Rhythmus, Vokale und Konsonanten, die Lautgestaltung und der eigene Atem werden erforscht. Ausgewählte Dichtung wird auf diesem Weg erarbeitet und ein individuell sprachlicher Ausdruck gefunden. Innere Formkraft und bewusstes Einsetzen der sprachlichen Möglichkeiten werden entwickelt.
Unsere Qualitätsstandards
Fort- und Weiterbildung
Rahmencurriculum – Info pdf-Dokument unten:
Um ihre kunsttherapeutischen Fähigkeiten zu vertiefen und zu erneuern, ist es für die qualifizierte Berufsausübung notwendig, dass Kunsttherapeuten ständig ihre menschlichen, künstlerischen, therapeutischen, medizinischen und geistigen Grundkenntnisse und Fähigkeiten aktualisiert. Diese werden durch die aktive Teilnahme an kunsttherapeutischen und medizinischen Fortbildungsveranstaltungen wie: Kursen, Tagungen, Seminaren, Übungsveranstaltungen, Kolloquien und durch eigenes künstlerisches Üben gewährleistet.
Geeignete Fortbildungsmöglichkeiten sind z.B.:
» Klinische Fortbildung in Form von Vorlesungen, Fallstudien, Demonstrationen und Übungen
» Wahrnehmungsstudien
» Studium der Natur und geisteswissenschaftlicher Fachliteratur
——- Supervision und Intervision
» Wochenend-Seminare
» eigene künstlerische Tätigkeit
Solche Fortbildungsveranstaltungen werden in Österreich von der ÖVAOK und von der Gesellschaft Anthroposophischer Ärzte Österreichs durchgeführt.
Berufsrichtlinien
Allgemeine Tätigkeitsmerkmale
Zu den allgemeinen Tätigkeitsmerkmalen der Anthroposophischen Kunsttherapeuten gehört die individuelle fördernde Begleitung von Menschen durch akute und chronische, seelische und leibliche Krankheitsprozesse hindurch, ebenso durch biographische Krisen und Entwicklungsstörungen.
Kunsttherapeuten orientieren sich dabei nicht nur an den Krankheitssymptomen, sondern an den trotz aller Beeinträchtigungen immer noch auffindbaren Ressourcen, deren innerster Quell der geistige Wesenskern des Menschen ist. Das Tätigkeitsfeld der Kunsttherapeuten erstreckt sich auch auf die Vor– und Nachsorge von Erkrankungen und auf den Bereich Heilpädagogik oder Sozialtherapie.
Einen Schwerpunkt ihres Einsatzbereiches bilden psychiatrische und psycho-somatische Erkrankungen sowie chronische Krankheitsbilder der inneren Medizin (z.B. Krankheiten des Immunsystems, Stoffwechsel– und Atmungserkrankungen, Herz– und Kreislauferkrankungen, Krebs und andere Organerkrankungen.)
Anthroposophische Kunsttherapeuten arbeiten mit heilpädagogischen Kindern und Erwachsenen, verhaltens– und entwicklungsgestörten Kindern und Jugendlichen, mit Suchtkranken, geriatrischen Patienten, HIV – positiven und an AIDS erkrankten Menschen, in der Betreuung von Familien, Arbeitslosen, Strafgefangenen und Angehörigen sozialer Randgruppen.
Ihrem salutogenetischen Ansatz entsprechend kann anthroposophische Kunsttherapie als einzelnes Therapieverfahren oder im Zusammenhang mit anderen Therapieansätzen und Heilmitteln angewendet werden.
Daher arbeiten Anthroposophische Kunsttherapeuten in fachspezifischer Eigenständigkeit, offen für die wechselseitige Abstimmung mit vom Arzt verordneten medikamentösen oder anderen nicht medikamentösen Behandlungsmethoden.
Die „kunsttherapeutische Diagnose“, die am Beginn eines kunsttherapeutischen Prozesses steht, entspringt einer geisteswissenschaftlich erweiterten Menschenkunde (die Lehre von Körper, Seele und Geist) und hilft als inneres Bild der Therapeutin, Ressourcen und Anforderungen für den Patienten in ein bestmögliches Verhältnis zueinander zu bringen. Dazu gehört u. a. auch die Feststellung, welche Kunstart die zur Therapie geeignetste für die jeweilige Patientin ist. Üblicherweise wird die Kunsttherapie als Einzeltherapie oder in der Gruppe als individuelle kunsttherapeutische Begleitung, oder Gruppentherapie angeboten.
Sie findet in der freien Praxis statt oder innerhalb einer Institution bzw. einem Krankenhaus, wo die entsprechenden Patienten betreut werden.
Die Kunsttherapie ist ein schöpferischer Prozess, der sich zwischen dem Klienten, seinem Werk und der Kunsttherapeutin als Wechselbeziehung entwickelt, wobei der Verlauf dokumentiert wird.
Anthroposophischen Kunsttherapeuten führen die Kunsttherapie selbständig durch. Die Grundlage hierzu bilden die im therapeutischen Prozess wahrnehmbaren Gestaltphänomene und Entwicklungstendenzen des Patienten, die therapeutische Beziehung, sowie je nach Arbeitszusammenhang, verschiedene Teambesprechungen mit behandelnden Ärzten sowie pflegenden und betreuenden Mitarbeitern, kollegiale Supervision, Intervision, usw.
Im Umgang mit künstlerischen Medien erlangt die Patientin schrittweise ihre persönliche – „individuelle Kompetenz“ wieder, d. h. ihr eingeschränkter Bewegungshorizont wird erweitert und Beziehungsfähigkeit weiter differenziert.
Während des prozessualen Vorganges des Übens kann sich der Patient mit dem Geschehen verbinden und sich dessen Inhalte und Grundgesten zueigen machen. Solchen Werkprozessen liegen Gestaltungsprinzipien im Geistigen, Seelischen und Leiblichen zugrunde. Diese dienen dem Aufbau, der Erhaltung und Funktion der „Organe“. Sie erhalten im Zuge der Behandlung in aktivierendem oder beruhigendem künstlerisch-therapeutischen Wechselspiel ihre jeweils notwendige Unterstützung.
Auf der Ebene der Persönlichkeitsförderung in biografischer Hinsicht geht es um die Stärkung des Selbstwertgefühls und des Gestaltungswillens der Patientin bis in die alltägliche Lebenserfahrung hinein. Phasen des In-Beziehung-Tretens, der Annahme und Bejahung führen über Auseinandersetzung und Widerstand zur Identifikation des Patienten mit der künstlerischen Aufgabenstellung und sich selbst.
Die persönliche, künstlerische Selbstausrichtung der Patientin wird ebenso gefördert wie das Freiwerden ihrer Kraft hin zu selbst gesetzten Zielen.
Ausübungsformen
Anthroposophische Kunsttherapeuten sind in die ganzheitliche Betreuung erkrankter Menschen einbezogen und führen diese innerhalb ihres fachlichen Kompetenzbereiches autonom durch.
Für die Kunsttherapeuten bestehen berufskundliche Voraussetzungen, die sie zur einer eigenständigen Ausübung ihres Berufes befähigen.
Eine gesetzliche Regelung ist in Österreich hierfür im Werden.
Anthroposophische Kunsttherapeuten arbeiten sowohl in der Prophylaxe als auch in der Rehabilitation. In akuten und chronischen Krankheitsfällen arbeiten sie mit dem Arzt/den Ärzten zusammen.
Die Förderung der Gesundheit ist zentrales Anliegen der Kunsttherapie, wie es auch dem Konsens der Ottawa Charta WHO 1986 entspricht.
Stand Juni 2004
In diesem Text wird abwechselnd die männliche und weibliche Form verwendet. Die jeweils andere Form ist selbstverständlich immer mit eingeschlossen.
